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Pfarrbrief und Gottesdienstordnung Januar 2018

Pfarrbrieftitel 01-2018

Pfarrbrief und Gottesdienstordnung Januar 2018

 

Liebe Pfarrangehörige,

"und führe uns nicht in Versuchung" - diese Worte haben in den vergangenen Tagen viel Wind durch die Leserbriefspalten der Zeitung gewirbelt. Zum Teil sehr erstaunliche Aussagen waren da zu lesen. Anlass waren die neue "Übersetzung" der französischsprachigen Bischöfe der vorletzten Bitte des Vaterunsers. Wiederum ins Deutsche übersetzt, beten französische Katholiken seit dem ersten Advent nun "Lasst uns nicht in Versuchung geraten".

Und auch Papst Franziskus hat für Wirbel gesorgt, in dem er praktisch in die selbe Kerbe hieb und die Übersetzung mit und führe uns nicht in Versuchung kritisierte: "Ein Vater tut so etwas nicht… wer dich in Versuchung führt, ist Satan. Lass mich nicht in Versuchung geraten, träfe es besser."

Beide, französischsprachige Bischöfe und der Papst, formulieren damit etwas, das schon seit den ersten Jahrhunderten unter den Christen diskutiert wird: Ist es wirklich richtig, was man im Vaterunser betet? Was ist das für ein Gott, der in Versuchung führt?

Vor allem in den letzten Jahrhunderten wurde immer wieder behauptet, Jesus hätte damals etwas ganz anderes gesagt, es sei falsch übersetzt worden. Dazu gilt es, einiges festzustellen:

Das Vaterunser finde ich in der Bibel an zwei Stellen - im Evangelium nach Matthäus (Mt 6, 7 - 30) und im Evangelium nach Lukas (Lk 11, 1 - 4). Bei Matthäus ist es Teil der berühmten Bergpredigt; bei ihm findet sich auch die längere Version des Vaterunsers, das im Wesentlichen so heute im Gottesdienst gebetet wird.

Das Neue Testament wurde auf griechisch aufgeschrieben. Es war im ersten Jahrhundert ganz einfach die Sprache der einigermaßen Gebildeten, die im Römischen Reich größtenteils verstanden wurde. Die damals also "internationaler" war, als Latein. Vor allem im östlichen Teil des Reiches. Jesus aber hat aramäisch gesprochen. Grob gesagt: die volkstümliche Version der hebräischen Sprache. Hebräisch wurde damals eigentlich nur im (jüdischen) Gottesdienst gesprochen.

Markus, Matthäus, Lukas, Johannes (Evangelist), Paulus, Johannes (Offenbarung) und die Schreiber der Petrusbriefe, des Hebräer- und der anderen Briefe, haben alles in griechischer Sprache aufgeschrieben. Im 19. Jahrhundert kam die Idee auf, es müsse vorher ein "Ur-Evangelium" in aramäischer Sprache gegeben haben, das von den Evangelisten ins Griechische übersetzt worden sei. Die Bibelforschung hat recht schnell herausgefunden, dass es ein solches geschriebenes "Ur-Evangelium" in der Muttersprache Jesu so aber nie gab. Was es gab, war eine Sammlung von Aussprüchen Jesu, die wohl schon sehr früh in den ersten christlichen Gemeinden herumgereicht wurde. In aramäischer Sprache, wohl auch in griechischer Übersetzung. Bibelforscher nennen sie "Logienquelle 'Q'". Von dieser Sammlung haben wir keine "greifbaren" Belege im Sinne von beschriebenen Blättern. Sie findet sich nur noch eingearbeitet in den Evangelien von Matthäus und Lukas.

Markus hat sein Evangelium um das Jahr 70 aufgeschrieben, vielleicht ein paar Jahre danach, Matthäus und Lukas wohl so zwischen nach 80 und vor 90 und Johannes nochmal einige Jahre später - vor 95. Matthäus war mit Sicherheit keiner der zwölf Apostel; er war ein Christ aus jüdischer Herkunft. Lukas wiederum ein Christ aus heidnischer Herkunft.

Von keinem neutestamentlichen Text haben wir eine "Originalhandschrift", die mit "Lukas" oder "Markus" oder "Paulus" etc. unterschrieben wäre. Nur Abschriften, Bruchstücke aus verschiedenen Jahrzehnten und Jahrhunderten danach. Es war und ist die Aufgabe von Bibelforschern aller Zeiten, daraus den ursprünglichen Text möglichst genau zusammenzustellen. Zu begründen, warum dieser oder jener Satz eher nicht ursprünglich war, oder eben doch. Das Ergebnis kann jedermann als "Novum Testamentum Graece" von Nestle/Aland kaufen. Eben auf griechisch mit wissenschaftlichem Anmerkungsapparat. Dieser Text des Neuen Testamentes entspricht alleine schon deshalb strengsten wissenschaftlichen Kriterien, weil jedes Fitzelchen des Textes seit Jahrhunderten von Bibelforschern aller Konfessionen diskutiert wird.

Jede ernsthafte Bibelübersetzung in irgendeine Sprache nimmt diesen Text als Grundlage her. Es ist also in keiner Weise so, dass der Text der Heiligen Schrift eine Übersetzung einer Übersetzung einer Übersetzung… ist. Die Bibel wird also auch nicht aus der lateinischen Übersetzung, die Hieronymus ab 382 anfertigte, zu unserer "Einheitsübersetzung" übersetzt.

Übersetzen ist nicht immer leicht. Schon gar nicht, wenn der Text aus einem ganz anderen Kulturraum kommt, aus einer ganz anderen Zeit und dann auch noch "schön" übersetzt werden soll. Das weiß jeder, der schon mal in der Schule seine eigenen Übersetzungen aus dem Englischen ein zweites mal angeschaut hat. Über manche Übersetzung kann man sich streiten, ob diese oder jene Bedeutungsfeinheit richtig wiedergegeben ist. Und manchmal geht es dabei auch um wirklich Wichtiges. Das richtig zu machen ist die hohe Kunst von Übersetzern. Damals, wie heute.

So wie hier beim Vater unser.

Nun ist es hier aber so, dass der griechische Urtext in beiden Evangelien wortwörtlich der gleiche ist. Und auch noch in so einfachen Worten, dass da eigent

lich kein Spielraum für unterschiedliche Übersetzungen ist. Der griechische Text sagt nun mal ganz klar: "und bring uns nicht in Versuchung/Prüfung (hinein)…".

Gott wird gebeten, uns nicht in Versuchung/Prüfung zu bringen. Das ist der ganz klare Text der Heiligen Schrift. Im Urtext steht also nicht, dass er gebeten wird, es nicht geschehen zu lassen. Das ist in der Tat ein Unterschied.

Im Urtext lehrt Jesus die Zuhörer, zu beten, dass Gott uns nicht versuche. Die Veränderung der französischen Bischöfe, der Einwurf des Papstes oder die Gebetsgewohnheiten so mancher moderner Zeitgenossen widersprechen also ganz klar dem Text, der in der Bibel steht.

Ein Gott, den ich bitten muss, mich nicht zu versuchen, erscheint aber auch wirklich nicht unbedingt freundlich. Und widerspricht zumindest auf den ersten Blick sehr wohl dem Bild des gütigen, liebevollen Papas, das Jesus vermittelte. Das kann's also nicht sein, oder?

Haben also vielleicht Matthäus und Lukas selber geschlampt? Hat Jesus vielleicht auf aramäisch etwas ganz anderes gesagt und die beiden Evangelisten haben es falsch ins Griechische übersetzt? Kann man sich ja leicht vorstellen (siehe eigener Englischunterricht in der Schule…). Und einige auch sehr renommierte Theologen vertreten diese These. Und manche andere vertreten sie wohl auch, weil im Sinne von Dan Brown mit solchen Aussagen ja auch immer wieder Aufmerksamkeit erheischt wird. Doch wäre ein solch gravierender Übersetzungsfehler nicht schon von vornherein unter den ersten Judenchristen auf Protest gestoßen? Von denen ja wohl die meisten noch aramäisch konnten und griechisch konnten? Dafür gibt es aber nirgendwo irgendwelche Belege. Und wenn es so wäre - warum sollte man an einer so unangenehmen Textvariante festhalten? Wer hätte einen Nutzen davon?

Ja, auf den ersten Blick ist die Vaterunserbitte ein Widerspruch. Und man hat ja dieses Bild von Jesus im Hinterkopf, bei dem alles so ganz lieb ist und so ganz weich und so ganz bequem und so ganz easy. Da passt es einfach nicht rein, wenn er etwas sagt, was diesem Bild gegen den Strich geht. Und da ist die Versuchung groß, mir selber einfach das so zurechtzubiegen, wie ich es gerne hätte. Da ist die Versuchung sehr groß, das einfach alles so zu sehen, so hinzubasteln, wie es am stromlinienförmigsten ist, am bequemsten. Oder scheinbar am logischsten.

Vielleicht ist das mit dem barmherzigen Samariter ja auch nicht so von Jesus gemeint. Und hat er wirklich die scheinbar so frommen Pharisäer, die ja auch nicht viel anders über Gott denken, als ich, immer so kritisiert? Ist das mit dem Verbot der Ehescheidung wirklich von Jesus so gesagt worden? Das hat doch sicher auch einer der Übersetzer irgendwann ihm so in den Mund gelegt. Und

das mit dem "halte ihm auch noch die rechte Wange hin"? Hat man da nicht vielleicht ein "nicht" vergessen?

Und führe uns nicht in Versuchung!

Nein, Gott ist natürlich nicht der, der mich in die Versuchung der Sünde führt, um feixend zuzuschauen, wie ich dann kämpfe und versage. Doch er ist immer wieder der, der mich prüft. Auch, damit ich "besser" werde. Es hat schon seinen Sinn, was Jesus da im Vaterunser (eben doch) lehrt:

"Wenn du mich in Versuchung führen würdest, würde ich nicht bestehen; ich weiß, dass du es aus genau dem Grund nicht tun wirst. Gleichzeitig erinnert der Satz daran, dass Gott in der Bibel immer wieder als Prüfender auftritt, als ein Gott, der den Menschen zwar nicht selbst in Versuchung führt, der aber die Anfechtung oder Prüfung durch andere sehr wohl zulässt - siehe Ijob. Und Jesus selbst schrie verzweifelt am Kreuz: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' Soll man daraus jetzt auch machen: 'Es wäre schon nett, wenn du mich jetzt nicht verließest'?" (Alex Rühle in SZ 283 vom 9./10.12.2017; S. 17)

So fasste ein Journalist die Kritik deutscher Bischöfe an den Änderungen ihrer französischen Mitbrüder zusammen.

Ich brauche Gott, wie er sich in der Bibel offenbart, nicht weichzuspülen. Das hat er nicht nötig. Er ist schon der gute, der liebende Gott. Auch, wenn manches meinem begrenztem, menschlichem und eben auch immer egozentrischem Verständnis von "lieb" nicht entspricht. Viel mehr sollte ich mich mühen, die Prüfung zu bestehen, ihn zu verstehen. Und ihn dabei immer wieder um Hilfe bitten. Erlöse uns von dem Bösen!

Ihr Pfarrer

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