Kleeblatt - Pfarrbrief - Gottesdienstordnung Dezember 2018

Kleeblatttitel 12-2018

Kleeblatt - Pfarrbrief- Gottesdienstordnung Dezember 2018

 

Liebe Pfarrangehörige,

"Kinder an die Macht!" hat Herbert Grönemeyer einst getextet. "Sie berechnen nicht, was sie tun." Und: "Wir werden in Grund und Boden gelacht."

Natürlich hat er da ein bisschen idealisiert. Kinder können auch grausam sein, hat Lena Valaitis schon 1981 gesungen. Und trotzdem - jetzt, wo es wieder einmal Weihnachten wird, wo Weihnachten wieder mal untergehen wird unter dem üblich gewordenen Kaufrausch und Stress, unter kitschigen "Weihnachtsfeiern", die eher Faschingsfeiern sind, und vielem anderem mehr - jetzt kommt mir dieses Lied immer näher.

Oft hab ich es im Radio gehört, meist beiläufig beim Autofahren und mich über die eine oder andere Textzeile amüsiert. Nie hab ich es als Weihnachtslied empfunden. Seit kurzem schon. "Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade" heißt es im Lukasevangelium, das in der Heiligen Nacht verkündet wird.

Friede.

Friede den Menschen seiner Gnade. Und er ist doch so wenig zu finden in dieser Welt, im Leben so vieler Menschen. Der Menschen nicht irgendwo in der weiten Welt, sondern im Leben von Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher hier und jetzt. Und er scheint eher weniger zu werden, der Friede. Liegt es daran, dass immer weniger Menschen in der Gnade Gottes sind?

Das wäre ein ziemlicher Schnellschuss. Es liegt eher daran, wie gnädig die Menschen sind. Der Ton ist rauer geworden. Weil er in der kleinen, privaten Welt rauer geworden ist, wurde er auch in der großen rauer. Viele der Herrscher, welche in der Welt zurzeit diesen rauen Ton angeben, haben sich nicht in ihre Herrschaftsposition geputscht, sondern wurden von ganz normalen Leuten gewählt. Von Leuten, die das ganz gut finden, dass der Ton und eben auch das Handeln rau wird.

Wo ist da noch Platz für die Gnade Gottes?

Kinder können schon auch mal streiten und raufen. Können auch mal gemein sein. Stimmt. Kinder können dann aber auch wieder gut sein. Trotz vorheriger Streitigkeiten. Und Kinder sind offen. Anderen Menschen gegenüber und vielem anderem, wovor Erwachsene sich schnell verschließen. Auch die, welche oft das Gegenteil behaupten. Kinder haben kein Problem mit Spinnen und Spinat. Mit Tod und Traurigkeit. Auch nicht mit Menschen, die anders sind, anders aussehen, als sie. Diese Probleme bekommen sie - durchaus recht früh - wenn Erwachsene, wenn ältere dafür sorgen. Wenn sie Kindern einreden, dass Spinnen eklig sind und Spinat auch, das Tod und Sterben etwas Furchtbares ist und man um diese oder jene Menschen besser einen Bogen macht.

Kinder können gnädig sein. Nicht immer auf Kommando, aber eben doch. Wenn sie sich gestritten haben, können sie nicht nur verzeihen, sondern auch vergessen. Sätze wie: "Ich hab ja nichts gegen (hier bitte nach Belieben einsetzen*), aber…" sind Kindern noch fremd. Denn mit einem solchen Satz gebe ich zu verstehen, dass ich eben doch etwas gegen die habe. Von vornherein. Dass es da mit meiner Gnade nicht weit her ist.

Friede kann da entstehen, wo auch Gnade ist. Gnade heißt auch, dass man jemandem vergibt, der an mir schuldig geworden ist. Gnade heißt auch, dass ich jemandem entgegengehe, obwohl ich im Recht bin und nicht der andere. Aus dem Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg konnte kein Frieden entstehen. Weil er ungnädig war. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es ganz anders. Man hatte gelernt und war - aus verschiedenen Gründen - gnädig mit Deutschland. Das ist ein Beispiel aus der großen Welt, das sich ohne Abstriche auf die kleine Alltagswelt übertragen lässt. In Familien, Freundschaften, Wohnsiedlungen, Arbeitsgruppen.

Gott ist gnädig. Auch, wenn ich eher der Meinung bin, dass meine private Bosheitsbilanz gar nicht so übel ist - auf jeden Fall viel besser als diejenige von dem und dem - kommt er mir doch unendlich oft immer wieder entgegen. Hält mir eben nicht jede meiner Verfehlungen und Bosheiten und Schwächen vor. Ist eben nicht ein Leben lang beleidigt, weil ich mal Mist gebaut habe. Sondern vergibt. Ohne Zirkus. Ist gnädig und ermöglicht mir so meinen eigenen kleinen Frieden. Immer wieder.

Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen! (Mk 10, 15)

Ich will doch in das Reich Gottes, nicht wahr? Ich will doch Frieden, oder? Ich will nicht blöd sein, klar. Aber sind Kinder in den Augen Gottes da nicht viel, viel klüger, als die meisten Erwachsenen? Und sind die Augen Gottes nicht diejenigen, die am allerklarsten, allerdeutlichsten das sehen, was wirklich ist?

Weihnachten wird immer wieder dann Realität, wenn ich selber so gnädig bin, wie Kinder es sein können. Schließlich ist Gott als kleines Kind in diese Welt gekommen. Ein Kind kam an die Macht im Reich Gottes. An Weihnachten.

Ihr Pfarrer

 

* Ausländer, Zugezogene, Schwule, Preußen, Geschiedene, Flüchtlinge, Arbeitslose, Hartz 4-Empfänger, Neger, Behinderte, Alkoholiker, Juden, Gutmenschen, Alleinerziehende, Kopftuchträgerinnen, Bayernfans, Versicherungsvertreter, Zigeuner, Lesben, Ex-Knackis, Raucher, Künstler, Dortmundfans, Moslems, Stammtischbrüder, Finanzbeamte, Transgender, Emanzen, … (nach Belieben zu erweitern)

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