Kleeblatt - Pfarrbrief - Gottesdienstordnung April 2019

Pfarrbrieftitel 04-2019

Kleeblatt - Pfarrbrief- Gottesdienstordnung April 2019

 

Liebe Pfarrangehörige,

das Leben ist nicht fair. Es ist zuweilen sogar ziemlich fies. Und manchmal grausam. Glück und Leid sind nicht gleichmäßig und nicht gerecht verteilt im Leben und unter den Menschen. Und es ist auch nicht so, dass man ein System, ein Muster darin erkennen könnte, warum dem einen sein ganzes Leben lang eigentlich fast alles gelingt, warum er Erfolg hat und Freude und Glück - und der andere nicht. Warum der andere krank wird. Einen Unfall erleidet. Verletzt wird. Viel zu früh stirbt. Es ist auch nicht so, dass jemand, der sich bemüht, anständig und ehrlich zu leben, der es sogar weitgehend schafft, ehrlich und anständig zu sein, dass der dann vom Lieben Gott automatisch mit einem schönen Leben dafür belohnt wird.

Guten Menschen passiert Unglück und Leid. Warum? Und es gibt böse Menschen, gewissenlose Typen, die sich sonnen im Erfolg, im Glück. Die nicht irgend ein Blitz in tausend Fetzen zerreißt, sondern bis an ihr auch noch spätes Lebensende viele, viele Freuden dieser Welt genießen können.

Und man frägt sich da schon, ob die Reden von einem gerechten, guten, liebevollen Gott auch wahr sind. Von einem Gott, der ja als Allmächtiger über allem thront und alles sieht und die Möglichkeit hat, da einzugreifen. Die Welt gerecht zu machen. Das Leben fair zu machen.

Es gibt diese Frage, diese Verzweiflung ob dieser offensichtlichen Ungerechtigkeit schon sehr, sehr lange:

Herr, warum bleibst du so fern, verbirgst dich in Zeiten der Not?

Der Frevler rühmt sich nach Herzenslust, er raubt, er lästert und verachtet den Herrn. Überheblich sagt der Frevler: "Gott straft nicht. Es gibt keinen Gott." Zu jeder Zeit glückt ihm sein Tun.

Er sagt in seinem Herzen: "Gott vergisst es, er verbirgt sein Gesicht, er sieht es niemals." (Ps 10)

Und: "Ein Sünder kann hundertmal Böses tun und dennoch lange leben."

Es gibt gesetzestreue Menschen, denen es so ergeht, als hätten sie wie Gesetzesbrecher gehandelt; und es gibt Gesetzesbrecher, denen es so ergeht, als hätten sie wie Gesetzestreue gehandelt. (Koh 8)

Das sind nur zwei Beispiele, wie in der alten Bibel schon Menschen sich genau die selben Fragen gestellt haben.

Es gibt auch ein paar Antworten auf diese Fragen. Es gibt und gab schon immer Menschen, die diese Fragen als einen Angriff auf Gott empfinden und Gott verteidigen wollen. Es gibt schon eine ganze Handvoll sehr frommer und durchaus auch gut gemeinter Sätze, mit denen man diese Ungerechtigkeit - oder diesen Skandal des Lebens erklären will. Oder verneint, dass es Gott, dass es den "Lieben" Gott überhaupt gibt. Ob sie einem wirklich helfen, ob sie wirklich tragen, diese "Antworten" bezweifle ich manchmal. Zumindest darf ich - muss ich wissen, dass ich als Mensch von Gott frei geschaffen wurde. Frei, das Gute zu tun, oder das Böse. Frei, mich an Gott zu orientieren, oder an anderem. Und weil eben ich und andere sich immer wieder ganz und gar nicht an Gott orientieren, zu Gott Nein sagen, ist das die Quelle von viel Unglück, von vielem Leid, das auch gute Menschen trifft.

Und trotzdem - es bleibt genügend Leid übrig, das sich so nicht begründen lässt. Und ich gestehe ein, dass ich mich schwer tue, dafür eine Antwort zu geben oder eine Antwort zu akzeptieren, die ich bisher gehört habe. Damit muss ich fertig werden, dass ich darauf zu Lebzeiten keine Antwort finde. Und ich muss mit dem Leid fertig werden, das mich trifft. Muss damit fertig werden, dass andere Menschen noch unendlich viel größeres Leid aushalten müssen.

Es hilft, wenn man nicht alleine dabei ist. Wenn jemand bei mir ist, der genauso darunter leidet. In der selben Situation ist. Selber Leid erlebt hat, selber gelitten hat. Nein, das beendet nicht das Leid. Beantwortet nicht mein Fragen. Aber es hilft mir, es auszuhalten. Es hilft mir, auch das noch wahrzunehmen, was trotz allem Unglück und Leid auch noch da ist, was gut ist.

Ein Gott, der selber Schmerzen gelitten hat, der selber ausgelacht wurde, selber Gemeinheit und Bosheit erlebt hat, aushalten musste - so ein Gott hilft mir allerdings, mit der Fiesheit des Lebens klarzukommen. Ein Gott, der selber gestorben ist; unter Schmerzen gestorben ist, der hilft mir durchaus, auch mit meinem eigenen Sterben klarzukommen.

Ein Gott, der als Toter im Grab gelegen ist, der macht mir klar, dass mein Glaube an ihn kein Hirngespinst ist, keine Dummheit, keine Einbildung, sondern einen Sitz im Leben hat.

Und der Mensch Jesus, der vom Tod auferstanden ist, der hilft mir zu akzeptieren, dass Ostern Wirklichkeit ist und nicht nur eine nette Geschichte. Wirklichkeit auch für mich. Erst recht für all diejenigen, die unter der Unfairness und Gemeinheit dieses Lebens leiden.

Mit diesem Gott überspringe ich Mauern!

Ihr Pfarrer

Drucken