Pfarrbrief - Gottesdienstordnung Oktober 2019

Titel Oktober 2019

Pfarrbrief- Gottesdienstordnung Oktober 2019

Liebe Pfarrangehörige,

Gedankenexperimente sind eine wunderbare Sache. Weil man dazu überhaupt nichts braucht, als sein Hirn. Seine Fähigkeit, nachzudenken, etwas zu überlegen, gründlich zu durchdenken. Man braucht kein Geld, kein Labor, keine Gegenstände, keine Messinstrumente, nicht mal einen Computer oder ein Händi.

Der Klimawandel und dass er von Menschen maßgeblich erzeugt und beschleunigt wird, ist nun schon lange keine Vermutung mehr. Dieses Wissen ist so unangenehm, dass sich deshalb einige handgreiflich weigern, dieses Wissen zu akzeptieren. Wie kleine Kinder im Kindergarten, die sich die Augen zuhalten, wenn sie was angestellt haben.

Auch abgesehen von der Klimaerwärmung steht es mit der Natur in weiten Teilen im Argen. Nicht erst seit zwei Jahren, sondern, wenn man ehrlich ist, seit mehr als einer Generation. Tier- und Pflanzenarten sterben zu Dutzenden aus - hier in Niederbayern genauso, wie im Rest der Welt. Und dass es seit einigen Jahren weniger Insekten gibt, kann jeder an der Windschutzscheibe seines Autos erkennen. Im Blut von Menschen und Tieren können seit Jahren alle möglichen Giftstoffe nachgewiesen werden - und nicht nur, weil die Messmethoden immer feiner werden. Und all diese Giftstoffe sind natürlich alle ganz harmlos. Schon klar.

Zum großen Teil wird die Landwirtschaft in Bayern und überall sonst verantwortlich gemacht. Weil sie schon seit Jahrzehnten auf "immer mehr", "immer größer", "immer spezialisierter" setzt. Ja, die Zahl der Bauern, die biologisch wirtschaften, steigt zwar auch, aber gemessen am großen Ganzen sind sie ein winziger Anteil. Die Landwirtschaft, die Bauern, sind also an allem schuld. Dass der Klimawandel so schlimm ist, dass die Landschaft so trostlos vermaist ausschaut, dass ich Gift in meinen Lebensmitteln habe und noch so ein paar schlimme Dinge. Wie gut, dass ich jemanden habe, auf den ich mit dem Finger zeigen kann.

Und darum möchte ich Sie einmal zu einem Gedankenexperiment einladen. Stellen Sie sich einmal vor, jeder Deutsche, jede Familie bekommt landwirtschaftliche Nutzfläche. Sagen wir einfach einmal eine Fläche von 40 Hektar. Dazu den passenden Bauernhof mit all den notwendigen Maschinen. Gehen wir weiterhin davon aus, dass jeder auch so einigermaßen sich in dem Metier "Landwirtschaft" auskennt. Also nicht so, wie Gscheidschmatzer, sondern richtig, so dass man tatsächlich arbeiten kann.

Und gehen wir in diesem Gedankenexperiment weiter davon aus, dass nun jeder Deutsche, jede Familie von den Erträgen ihres nun eigenen Bauernhofes mit immerhin 45 Hektar Fläche leben muss. Keine sonstigen Einnahmequellen hat.

Laut Umfragen sind so ziemlich die allermeisten Deutschen dafür, dass Landwirte biologisch wirtschaften. Dass sie keine Giftstoffe verspritzen, keine Insektizide, keine Herbizide, keine Fungizide. Dass sie nett zu ihren Tieren sind, damit die glücklich leben und groß werden können, mit Freude ihre Milch zweimal täglich abgeben, ihre Eier legen, vor Wohlbehagen im Stall grunzen. Laut Umfragen sind die allerallermeisten Deutschen dagegen, dass die Landwirtschaft die Gegen vermaist, dass genverändertes Zeug angepflanzt und verfüttert wird. Auch sollen laut Umfragen und Volksbegehren die Bauern dafür sorgen, dass möglichst viele verschiedene Insekten und andere Tiere auf ihren Feldern leben können.

Darum darf man in diesem Gedankenexperiment ruhig davon ausgehen, dass die allermeisten Neubauern, die gerade mit 45 Hektar und einem Bauernhof beglückt wurden, ihre Felder möglichst naturnah, möglichst biologisch, ökologisch bestellen und ganz nett zu ihren Tieren in den verschiedenen Ställen sind. Denn genau das verlangen ja fast alle Deutschen Verbraucher, also Sie und ich, von den Bauern. Logisch, dass man das dann auch genau so macht, wenn man die Möglichkeit dazu hat, gell?

Nach einem Jahr (im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt und im Herbst dann erntet und Erntedank feiert), wenn dann die Erträge der Felder eingebracht wurden, wenn die ersten Abrechnungen der Erzeuger- und Abnehmergenossenschaften eingegangen sind, der Großmolkereien (kleine gibt's ja schon seit Jahrzehnten keine mehr), dann - ja, dann?

Dann, also spätestens im zweiten Jahr wird so ziemlich jeder Gedankenbauer sein System komplett umbauen. Nichts mehr mit Kühe streicheln und biologisch Felder bebauen. Nichts mehr, mit maisfreier Landschaft und nichts mehr mit Verzicht auf Glyphosat und andere Gifte. Dann wird jeder der Neubauern mindestens ein Drittel der Fläche mit Mais bepflanzen, wird möglichst viel Gülle und andere Düngemittel aus bringen und all die "Segnungen" der großen Landwirtschaftschemiefirmen zuhauf nutzen, heißen sie nun Monsanto oder Bayer oder anders.

Warum? Weil der Gedankenbauer seine Einnahmen zusammenzählen wird, durch zwölf teilen wird und feststellen wird, dass er trotz einer 60 Stundenwoche auf ein Gehalt kommt, das kaum der Sozialhilfe entspricht. Wenn er so landwirtschaftet, wie ich es als Verbraucher von ihm haben will.

Wenn er stattdessen ein Einkommen erzielen will, das dem der allermeisten Arbeitnehmer entspricht (und zumindest hier in Niederbayern ist das im Durchschnitt gar nicht so schlecht - auch, wenn keiner gerne einräumt, dass er eigentlich ganz gut verdient), dann müsste er für die Milch, die seine Kühe geben, viel mehr verlangen. Dann müsste dieser Schlachthof in ein paar Hundert Kilometern Entfernung ihm wesentlich mehr für seine Tiere bezahlen. Dann müsste er für sein Getreide, das auf seinen Feldern wächst, viel mehr verlangen.

Und dann müsste aber ich viel mehr für mein Essen bezahlen.

Viel mehr.

Dann bräuchte ich nicht mehr nur rund zehn Prozent meines Einkommens für Lebensmittel ausgeben, sondern müsste vielleicht 20 Prozent ausgeben. Dann könnte ich mir aber so vieles nicht mehr leisten, was ich doch so liebgewonnen habe - und das ich auch unbedingt brauche! Was man heute halt so hat, haben muss. Und das natürlich viel wichtiger ist, als Lebensmittel ohne Gift, als maisfreie Landschaft, als blühende Wiesen und glückliche Kühe. Viel wichtiger.

Der eine oder andere Gedankenbauer würde gewiss auf die Idee kommen, seinen Hof, seine Felder nach diesem ersten Jahr zu verkaufen oder zu verpachten, weil er sich lieber eine andere Arbeit sucht, wo man bequemer und mit weniger zeitlichem Einsatz sein Geld verdient. Mehr verdient. Wo nicht alle mit dem Finger auf ihn zeigen (und gar nicht merken, dass drei zurückzeigen) und ihn ständig kritisieren und beschimpfen.

Und natürlich würde der dann auch einen Pachtpreis verlangen, der so anständig, so niedrig ist, dass der Pachtnehmer auch damit auskommen kann und einigermaßen vernünftig, biologisch, natürlich darauf wirtschaften kann. Natürlich würde er also auf ein Angebot z. B. eines Biogaslers, der ihm das Doppelte zahlt, verzichten. Klar. Und natürlich würde der dann von seinem nun leichter verdienten und mehreren Geld nur noch biologisch erzeugte Lebensmittel kaufen. Klar.

Gut, dass das jetzt nur ein Gedankenexperiment ist. Dann kann ich nämlich so tun, als wäre das alles nicht gewesen, alles nicht wahr. Und kann weiter die Schuld für so viel Schlechtes jemand anderem geben.

Wie gut, dass es eigentlich immer "die anderen" gibt.

Ihr Pfarrer

 

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